Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule gedenken der Nazi-Opfer

(c) Lippische Landes-Zeitung vom 28.01.2011

Allein mit Angst und Sehnsucht
VON THORSTEN ENGELHARDT

Eine ergreifende Gedenkfeier haben Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule gestern zum Tag der Auschwitz-Befreiung gestaltet. Das Schicksal jüdischer Kinder stand im Mittelpunkt.Am Ende triumphierte das Leben über Grauen, Angst, Fassungslosigkeit und Trauer. „We are the world, we are the children“ sangen die Jugendlichen in der mit 500 Gästen besetzten Schulaula der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Jenen Song mit der Forderung, die Zukunft besser zu machen, als es die Vergangenheit war. Denn die Vergangenheit, so hatte Schulleiterin Christiane Kociszewska zuvor gesagt, könne man nicht mehr ändern. Aber Einfluss auf Zukunft und Gegenwart nehmen schon.In der zentralen Detmolder Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus verbanden die jungen Mitwirkenden Vergangenheit und Zukunft ebenso einfühlsam wie eindringlich. „Weiterleben im Exil“ war das Thema. In Theaterszenen zeigten Deutsch-Klassen von Wolfgang Stratmann aus der 13., 9. und 6. Jahrgangsstufe die Menschenverachtung der Nazis und den Transport von Kindern zu Pflegefamilien nach England. Sie konnten fliehen, doch sie waren allein mit Angst und Sehnsucht. Die meisten sahen ihre Eltern nie wieder.
Wie Fred Herzberg aus Detmold, dessen Lebensgeschichte neben der von fünf anderen jüdischen Kindern vom Literaturkurs der Stufe zwölf erzählt wurde. Micheline Prüter-Müller hatte mit den Schülern Zitate ausgewählt, die Heimatverlust und Zerrissenheit in Worte kleideten. Wie die von Ruth Margalit, die die Waldheide, den Ort ihrer Kindheit, noch immer als schönsten Platz der Welt sieht. Aber: „Wenn ich Heimat sage, sag ich Traum. Denn die alte Heimat gibt es kaum.“

Diese Worte von Mascha Kaléko setzten der Kurs „Darstellen und Gestalten“ des 10. Jahrgangs in eine bewegende Choreografie um. Sie spannte den Bogen in die Gegenwart, der – so Schülerin Svenja Mundhenk – auch dabei helfen solle, das Geschehene zu begreifen, ohne zu relativieren. Zum Beispiel über Tagebuchauszüge einer Schülerin, die im Bosnien-Krieg ihren Vater verlor. Oder über die anschließend eröffneten Ausstellungen, in denen sich die aus 40 Nationen stammenden Scholl-Schüler Gedanken über die eigene Herkunft und den Kofferinhalt jüdischer Emigranten gemacht hatten.

Weiterer Worte bedurfte es da nicht mehr. Und so ließ Bürgermeister Rainer Heller sein Redemanuskript in der Tasche, versteckte seine eigene Ergriffenheit aber nicht. „Ich kann nicht mehr viel sagen zu dem, was ich gerade gehört und gesehen habe. Ich danke euch“, sagte er nur.

(c) Lippische Landes-Zeitung vom 28.01.2011

 

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