Lilly Lindner liest aus ihren Büchern: „Splitterfasernackt“ und „Bevor ich falle“

Bericht von Ernst Meuß

Eine kleine, zierliche Person, die, dunkelblau gekleidet und mit zwei langen geflochtenen Zöpfen, da vorne vor uns steht, ziemlich alleine, nur ab und zu begleitet von einem jungen Mann, auf dessen T-Shirt „Security“ steht, die vor dem Mikrofon steht, sich immer wieder wie zufällig die Ärmel herunterzieht oder am Saum ihres Hemdes zupft und mit einer nahezu singenden hohen Stimme Dinge erzählt, die einem das Blut in den Adern gerinnen lassen, eine kleine zierliche Person, die erzählt, wie sie missbraucht wurde als Kind, wie sie sich in die Hungersucht zurückzog, vergewaltigt wurde und schließlich versuchte, sich an den Peinigern zu rächen, indem sie ihren Körper für Geld feil bot, die sich Schmerzen zufügt, um die Leere in ihre Seele zu füllen…

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Eine kleine, zierliche Person, die aber auch immer wieder Menschen findet, ganz unerwartet, und wenn’s am Heiligen Abend draußen in der Kälte ist oder in einer Kneipe, „Komm mit!“ sagen und immer wieder an ihrer Seite stehen, wenn der Ritt am Rand der Welt in die Dunkelheit der Kälte und Verlorenheit führt, oder ihren Vater, der nach jahrelangen, endlosen Hasstiraden und Verachtungswellen ins Gesicht seiner Tochter plötzlich im Supermarkt neben ihr steht und sie ganz leicht berührt, „Cherry“ zu ihr sagt und plötzlich genauso verloren ist wie sie selber…

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Eine kleine, zierliche Person, die all das erzählt, ganz allein, da vorne – da können einem schon die Tränen in die Augen steigen, wenn man merkt, wie sie um ihr Leben kämpft – immer wieder, sich schließlich durchlebt zu dem Satz: „Life ist not about killing yourself. Life is a place you shoud choose to live. Cause if you don’t. You will never be.“ (Das Leben ist nicht dazu da, um sich selber umzubringen. Das Leben ist ein Ort, den du annehmen solltest, um zu leben. Denn wenn du es nicht tust. Dann wirst du niemals existieren.)                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

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Sie nahm sich viel Zeit nach der Lesung für die vielen Mädchen und Jungen, die nach vorne kamen, schrieb hier einen Spruch auf den hingehaltenen Zettel oder erwiderte dort die Umarmung, verschenkte Rosen und hielt Tränen aus. So gab sie, aber sie bekam auch, sie schien ein paar Meter über dem Abgrund gehalten von Menschen, in denen Funken ihres eigenen Schicksals aufleuchteten.

Und dann ging sie …

Dr. Rudolf Jebens, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Lippe, besuchte ca. eine Woche später die Schülerinnen und Schüler der 11. Jahrgangsstufe. Er nahm die Stimmung der Lesung von Frau Lindner auf und verknüpfte sie mit der Sicht des Arztes auf das Problem des Ritzens. Viele Fragen wurden gestellt, z.B. die: „Was mache ich eigentlich, wenn ich bemerke, dass sich meine Freundin ritzt?“ „Du kannst ihr selber nicht helfen; das muss der Profi machen. Aber du kannst ihr zeigen, dass du dich nicht abwendest, dass du ihre Scham erkennst, sie nicht verlässt, sondern bei ihr bleibst.“

Eine Zahl zum Schluss, die uns zu denken geben sollte: Ca. 15% aller Jugendlichen, insb. der Mädchen, im Alter von 12 bis 17 Jahren haben sich schon mal geritzt oder ritzen sich noch.

Kultur

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